Melatonin kann den Schlaf unterstützen

Autismus - SchlafstörungSchlafprobleme zählen zu den häufigsten Begleiterscheinungen von Autismus. Sie sind unterschiedlich stark ausgeprägt, haben aber stets Einfluss auf die geistige und psychosoziale Entwicklung von Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung.

Chronisch mangelnder Schlaf wirkt sich nachteilig auf das Gedächtnis und die Leistungskraft, auf Stimmung und Verhalten aus. Hinzu kommt, dass Schlafstörungen und durchwachte Stunden in der Nacht nicht nur das autistische Kind, sondern oft auch die gesamte Familie belasten. Wer ständig müde ist, hat weniger Energie und Geduld.

Reduzierter Melatonin-Spiegel

Als Ursache für die Schlafschwierigkeiten vermuten Wissenschaftler einen Mangel an einem bestimmten Enzym im Gehirn, das am Abend dabei behilflich ist, den „Stimmungsaufheller“ Serotonin in das „Dunkelhormon“ Melatonin umzuwandeln. Studien haben gezeigt, dass Autisten häufig einen reduzierten Melatonin-Spiegel haben. Dies mag auch ein Grund dafür sein, dass selbst umfangreiche Schlafhygiene- und verhaltenstherapeutische Maßnahmen, als alleinige Therapie bei autistischen Kindern, lediglich bei ca. 25% den gewünschten Erfolg bringen.

Was ist Melatonin?

Melatonin ist ein körpereigenes Hormon. Es wirkt schlaffördernd, entschleunigt die Körperfunktionen und stimmt auf die Nachtruhe ein. Melatonin trägt wesentlich dazu bei, den Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen zu stabilisieren. Die Melatonin-Produktion beginnt am Abend in der Dunkelheit; nachts gegen 3 Uhr ist der Melatonin-Konzentration im Körper normalerweise am höchsten. Ist der Melatonin-Spiegel zu niedrig – z. B. auch, weil man tagsüber zu wenig Licht erhalten hat –, gerät die „innere Uhr“ aus dem Takt. Mit weitreichenden Folgen: Der Mensch schläft schlecht ein und wacht verfrüht auf. Er ist nicht erholt und deshalb tagsüber müde und antriebslos.

Studien zeigen positive Effekte einer ergänzenden Melatonin-Gabe

Wer gut schlafen möchte, braucht also Melatonin. Zahlreiche Studien aus den vergangenen Jahren belegen, dass eine ergänzende Melatonin-Gabe helfen kann, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu normalisieren, wenn Schlafhygienemaßnahmen und / oder eine weitere psychologische Betreuung die Schlafstörungen nicht lindern oder beseitigen können. Auch die Leitlinien empfehlen seit Jahren Melatonin als mögliche Behandlung bei Schlafstörungen.

  • In einer Studie mit 134 Kindern zeigte sich, dass eine Melatonin-Gabe bei 63 Prozent der Kinder den Schlaf verbesserte. Erfolgreich war die Medikamenteneinnahme vor allem in Kombination mit einem Verhaltenstraining.
  • Positive Wirkungen belegte auch eine Placebo-kontrollierte Studie von 2017 mit 267 Kindern: Die Kinder schliefen nach drei Monaten im Mittel fast 40 Minuten schneller ein. Geruchs- und geschmacksneutrale Retard-Minitabletten (mit einem Durchmesser von nur 3 mm) speziell für autistische Kinder, welche häufig Probleme beim Schlucken von größeren Tabletten haben sowie sehr sensibel gegenüber Geschmäckern und Gerüchen sind, sorgten dabei für eine zeitgesteuerte Freigabe von Melatonin während der Nacht – nach dem Vorbild der körpereigenen Prozesse. Resultat: Die Kinder schliefen besser durch, und die Gesamtschlafzeit konnte im Durchschnitt um fast eine Stunde verlängert werden.
  • Eine anschließende Langzeitstudie bestätigte die positiven Ergebnisse. Die Eltern der teilnehmenden Kinder profitierten dabei ebenfalls von einer besseren Schlaf- und Lebensqualität.

Zusammengefasst heißt das:

  • Eine ergänzende Melatonin-Therapie kann bei Kindern mit chronischen Schlafstörungen die Schlafdauer verbessern.
  • Retard-Tabletten, die nach dem Vorbild der Natur den Wirkstoff nach und nach freisetzen, sichern einen ausreichend hohen Melatonin-Spiegel während dem Verlauf der Nacht und sorgen damit für ein besseres Einschlaf- und das Durchschlafverhalten.
    Eine verbesserte Nachtruhe bedeutet, dass die Kinder ausgeruhter, leistungsfähiger und ausgeglichener sind.

Behandlung immer mit dem Arzt besprechen

Melatonin ist in Deutschland verschreibungspflichtig. Es ist in der Regel sehr gut verträglich; nur wenige Kinder klagen über Kopfschmerzen oder Tagesmüdigkeit.

Da auch die Leitlinien eine Melatonin-Gabe als Behandlungsmöglichkeit beschreiben, haben manche verzweifelten Eltern mit einem chronisch übermüdeten autistischen Kind in der Vergangenheit den Weg über die USA gewählt. Dort wird Melatonin rezeptfrei als Nahrungsergänzungsmittel in Drugstores, Supermärkten und im Internet verkauft. Aber Vorsicht: Nahrungsergänzungsmittel gelten als Lebensmittel; sie müssen nicht die strengen Qualitätsansprüche von Arzneimitteln erfüllen, sodass bei ihnen schwankende Zusammensetzungen und Kontaminationen gefunden werden können.1

Eine ergänzende Melatonin-Therapie sollte stets mit dem behandelnden Kinderarzt besprochen werden, damit Behandlung und Dosierung individuell abgestimmt werden können, um eine optimale Lösung für Ihr Kind zu finden.

1 Erland, L.A. and Saxena, P.K. Melatonin Natural Health Products and Supplements: Presence of Serotonin and Significant Variability of Melatonin Content. J Clin Sleep Med, 2017. 13(2): p. 275-281.