Tipps für den Alltag

Mit Struktur und Geduld: So unterstützen Sie Ihr autistisches Kind im Alltag

Das Leben mit einem autistischen Kind ist ebenso facettenreich wie das Leben mit einem nicht-autistischen Kind – geprägt von einzigartigen Momenten und Herausforderungen. Durch die besonderen Bedürfnisse autistischer Kinder sind jedoch manchmal gezielte Strategien erforderlich, um den Familienalltag leichter zu gestalten. Geduld, Struktur und Empathie spielen dabei eine zentrale Rolle, um Ihrem Kind Orientierung in einer oft komplexen Welt zu bieten. Im Folgenden finden Sie praktische Tipps für verschiedene Lebensbereiche.

Inhaltsverzeichnis // Lesedauer: ca. 5:30 min

Wie geht man mit autistischen Kindern um? Routine und Struktur schaffen!1

Klare Abläufe geben autistischen Kindern Sicherheit und erleichtern den Alltag. Ein fester Tagesplan hilft, die Welt vorhersehbarer zu machen. Visualisieren Sie Aktivitäten mit Plänen oder Symbolkarten und bereiten Sie Ihr Kind bei Veränderungen schrittweise darauf vor. Struktur bedeutet aber auch, Verhaltensregeln zu schaffen: Mit „Familiengesetzen“ wird klar, was erwartet wird. Unterstützen Sie diese Regeln durch Bilder, Comics oder „Soziale Geschichten“, um sie leichter verständlich zu machen.

Weitere hilfreiche Tipps für den Alltag mit autistischem Kind:

  • Erstellen Sie Routinen für Mahlzeiten, Schlafenszeiten und sonstige Aktivitäten.

  • Geben Sie klare Anweisungen und verwenden Sie einfache Sprache.

  • Zerlegen Sie komplexe Aufgaben in kleine Schritte und visualisieren Sie sie.

  • Erklären Sie Mimik und Gestik, wenn Sie das Gefühl haben, dass Ihr Kind Sie nicht verstehen kann.

  • Helfen Sie Ihrem Kind, soziale Situationen zu meistern, indem Sie als „sozialer Dolmetscher“ Verhaltensweisen anderer erklären.

Manchmal können alltägliche Dinge wie Anziehen oder Körperpflege stressig für ein autistisches Kind sein. Vereinfachen Sie solche Situationen mit praktischen Lösungen wie Hausbesuchen des Friseurs oder der Friseuse oder Kleidung, die zu Hause anprobiert werden kann.

Mag es auch selbstverständlich klingen: Loben Sie. Sprechen Sie Anerkennung direkt aus, da Kinder mit Autismus dies nicht immer aus Mimik oder Gestik ableiten können. Kleine Belohnungen wie Spielzeug oder Süßigkeiten können zusätzlich motivieren.

Reize reduzieren – Weniger ist mehr1

Autistische Kinder können sensibel auf ihre Umgebung reagieren. Eine reizarme Umgebung hilft ihnen, sich zu entspannen und Stress zu vermeiden. Überlegen Sie, wie Sie Reize minimieren und Rückzugsorte schaffen können, damit Ihr Kind in aufwühlenden Situationen zur Ruhe kommen kann.

So gestalten Sie eine reizärmere Umgebung:

  • Halten Sie das Kinderzimmer ruhig und aufgeräumt.

  • Verwenden Sie angenehme beziehungsweise gedimmte Lichtquellen.

  • Bereiten Sie Besuche an Orten mit vielen Reizen (z. B. Einkaufszentren) gut vor oder vermeiden Sie diese, wenn möglich.

  • Schaffen Sie Rückzugsmöglichkeiten, damit sich Ihr Kind bei Überforderung zurückziehen kann.

Stärken fördern – Interessen entdecken1

Viele autistische Kinder haben spezielle Interessen, in die sie sich mit Begeisterung vertiefen. Unterstützen Sie diese Leidenschaften, denn sie bieten eine großartige Möglichkeit, das Selbstbewusstsein Ihres Kindes zu stärken. Lassen Sie Ihr Kind Neues ausprobieren, um mögliche weitere Talente zu entdecken.

Möglichkeiten zur Stärkenförderung:

  • Bieten Sie Materialien und Bücher zu den Interessen Ihres Kindes an.

  • Fördern Sie kreative Ausdrucksformen wie Malen oder Musik.

  • Nutzen Sie Hobbys als Brücke zu sozialen Aktivitäten.

Cover: Elternratgeber Autismus-Spektrum

Hilfe für Eltern mit autistischen Kindern: Der Elternratgeber von Autismus Deutschland e.V.

Einige der hier aufgeführten Hilfestellungen stammen aus dem Elternratgeber des Autismus Deutschland e.V.. Der Ratgeber bietet hilfreiche Strategien sowie alltagstaugliche Tipps.

Rituale für den Abend – Gemeinsam zur Ruhe kommen

Der Übergang vom aktiven Tag in die Nachtruhe kann für autistische Kinder schwierig sein. Ein festes Ritual kann dabei helfen. Lesen Sie zum Beispiel jeden Abend dasselbe Buch vor oder hören Sie eine beruhigende Playlist. Dimmen Sie frühzeitig das Licht, um Ihrem Kind zu signalisieren, dass der Tag endet.

Schlafprobleme sind bei autistischen Kindern keine Seltenheit2 und können den Abend und die Nacht zusätzlich erschweren. Maßnahmen wie eine gründliche Schlafhygiene, abendliche Rituale oder ein Schlaftagebuch können Sie und Ihr Kind gezielt unterstützen. In einigen Fällen kann auch die medizinische Gabe von Melatonin helfen, den Schlaf-Wach-Rhythmus zu regulieren.3 Diese Behandlung wird von Fachgesellschaften als sicher und sinnvoll beschrieben, sollte jedoch ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht erfolgen.

Die Beziehung zwischen Geschwistern stärken

Neben Eltern, müssen auch Geschwister autistischer Kinder ihren Alltag an die besonderen Bedürfnisse ihres Bruders oder ihrer Schwester anpassen, was mitunter frustrierend sein kann. Regelmäßige Gespräche über die besonderen Bedürfnisse und Verhaltensweisen des autistischen Kindes helfen, Missverständnisse zu vermeiden und Verständnis zu fördern. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Geschwister immer auch eigene Freiräume und exklusive Elternzeit erhalten, um sich nicht vernachlässigt zu fühlen.

Lesen Sie mehr darüber in unserem Beitrag „Geschwister autistischer Kinder“.

Essgewohnheiten verstehen und kreativ unterstützen

Essprobleme sind bei autistischen Kindern häufig.4 Einige Kinder verweigern bestimmte Lebensmittel oder bevorzugen eine monotone Ernährung. Hier können kreative Ansätze helfen: Gemüse kann beispielsweise püriert oder in Smoothies verarbeitet werden, während ungewöhnliche Präsentationen wie farbiger Kartoffelbrei die Akzeptanz erhöhen. Feste Essenszeiten und visuelle Essenspläne schaffen zusätzliche Struktur. Wichtig: Essprobleme sollten im Rahmen einer Therapie besprochen werden, um individuelle Interventionsstrategien zu entwickeln.

Unser Beitrag „Essverhalten bei autistischen Kindern“ bietet weitere hilfreiche Tipps.

Feiertage stressfrei gestalten

Festtage bringen oft Veränderungen und soziale Interaktionen mit sich, die stressig sein können. Klare Planung, Rückzugsmöglichkeiten und vertraute Rituale geben Ihrem Kind Sicherheit und machen die Tage angenehmer.

Wie Sie Feiertage gut vorbereiten, erfahren Sie in unserem Artikel „Weihnachten und Neujahr mit autistischen Kindern“.

Der Kindergarten – Ein wichtiger Schritt1

Der Kindergartenbesuch ist für autistische Kinder eine wertvolle, aber oft herausfordernde Erfahrung. Überschaubare Gruppengrößen, konstante Bezugspersonen und reizarme Räumlichkeiten bieten Sicherheit und können vor allem in der Eingewöhnungsphase sehr hilfreich sein. Flexible Anwesenheitszeiten ermöglichen Ihrem Kind zudem, sich in seinem Tempo an die neue Umgebung zu gewöhnen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Eltern und Betreuerinnen/Betreuern ist essenziell, um sicherzustellen, dass auf die individuellen Bedürfnisse Ihres Kindes eingegangen werden können.

Tipps zur Vorbereitung:

  • Besichtigen Sie die Räume vorab mit Ihrem Kind.

  • Schauen Sie gemeinsam Fotos der Kita und des Teams an.

  • Geben Sie ein vertrautes Objekt von zu Hause mit.

  • Nutzen Sie visuelle Pläne, um den Kita-Tag verständlich zu machen.

Den Schulalltag unterstützen

Was für die Kita gilt, trifft auch auf die Schule zu: Der Schulalltag kann für autistische Kinder durch sensorische Reize und soziale Anforderungen ebenfalls herausfordernd sein. Nachteilsausgleiche und Schulbegleitungen können hierbei unterstützende Instrumente sein. Regelmäßige Absprachen mit Lehrkräften sind ebenfalls essenziell, um den Alltag zu erleichtern.

Mehr dazu lesen Sie im Artikel „Autismus und Schule“.

Gemeinsam reisen: Urlaub gut planen

Urlaubsreisen bedeuten für die meisten Menschen Entspannung – für autistische Kinder können sie jedoch aufgrund ungewohnter Umgebungen und unbekannter Abläufe schnell zur Stresssituation werden. Eine sorgfältige Vorbereitung und offene Kommunikation können helfen, diesen Stress zu reduzieren. Packen Sie vertraute Gegenstände ein, informieren Sie sich im Vorfeld über die Reiseziele und planen Sie die Reise detailliert, um die Erfahrung für Ihr Kind angenehmer zu gestalten.

Weitere Tipps finden Sie in unserem Beitrag „Urlaub mit einem autistischen Kind“.

Hilfe für Eltern mit autistischen Kindern: Sie sind nicht allein1

Die Betreuung eines autistischen Kindes kann anspruchsvoll sein. Doch Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen! Es gibt deutschlandweit Selbsthilfegruppen und Elterntreffen, bei denen Sie auf Menschen treffen, die ähnliche Erfahrungen machen. Der Austausch mit anderen Eltern in einem Autismus-Therapiezentrum oder einer Frühförderstelle bietet nicht nur emotionale Unterstützung, sondern auch praktische Tipps für den Alltag. Teilen Sie Ihre eigene Geschichte, lernen Sie aus den Erfahrungen anderer und profitieren Sie von gemeinsamen Lösungsansätzen.

Autismus verstehen und fördern – 10 praktische Regeln5

Diese Leitlinie vereint wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Erfahrungen, um den Umgang mit autistischen Kindern zu erleichtern. Sie unterstützt Eltern, Betreuerinnen und Betreuer sowie Fachkräfte dabei, die individuellen Bedürfnisse autistischer Kinder besser zu verstehen:

10-Punkte-Leitlinie herunterladen (PDF)

Fazit: Mit Geduld und Struktur den Alltag meistern

Der Alltag mit einem autistischen Kind erfordert viel Geduld, aber auch Offenheit für kreative Lösungen und die Bereitschaft, immer wieder Neues auszuprobieren. Klare Strukturen, ein liebevoll gestaltetes Umfeld und eine gute Selbstfürsorge der Eltern sind der Schlüssel, um die besonderen Herausforderungen zu meistern. Denken Sie daran: Sie sind nicht allein! Es gibt zahlreiche Ressourcen, die Sie nutzen können, und Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen.

  1. Informationen des Bundesverbandes autismus Deutschland e.V.: Elternratgeber – Autismus-Spektrum, Neufassung 2023.
  2. Ballester, P. et al.: Sleep in autism: A biomolecular approach to aetiology and treatment. Sleep Med. Rev. 2020;54. doi: 1016/j.smrv.2020.101357
  3. Schroder CM, Malow BA, Maras A, Melmed RD, Findling RL, Breddy J, Nir T, Shahmoon S, Zisapel N, Gringras P. Pediatric Prolonged-Release Melatonin for Sleep in Children with Autism Spectrum Disorder: Impact on Child Behavior and Caregiver’s Quality of Life. J Autism Dev Disord. 2019 Aug;49(8):3218-3230. doi: 10.1007/s10803-019-04046-5. PMID: 31079275; PMCID: PMC6647439.
  4. Dickerson Mayes, S., Zickgraf, H.: Atypical eating behaviors in children and adolescents with autism, ADHD, other disorders, and typical development. Res. Autism Spectr. Disord. 2019;64:73-83. doi: 1016/j.rasd.2019.04.002
  5. Fuentes, Joaquin: Autism Spectrum Disorders: Ten Tips to Support Me, Nov. 2014, Journal of the American Academy of Child & Adolescent Psychiatry, Volume 53, Issue 11.

Weiterführende Informationen

Weitere Infos zu Autismus-Spektrum-Störungen

Allgemeine Informationen zu Autismus

Hilfe bei Schlafproblemen

Zuletzt aktualisiert am 20.02.2025